Joseph Wirth (1879-1956)
Biografische Notizen von Ulrike Hörster-Philipps

Freiburg, die Geburtsstadt Joseph Wirths, und das Land Baden mit seinen kulturellen und politischen Traditionen prägten politisches Selbstverständnis und Wirken des späteren Reichskanzlers und mehrfachen Ministers in besonderem Maße. Wirth war in der Region tief verwurzelt, er liebte, wie aus zahlreichen Aufzeichnungen hervorgeht, seine Heimat, doch wurde Heimat von ihm stets auch begriffen als politischer Ort, als Summe der demokratischen Traditionen, an denen das Land Baden reicher war als andere deutsche Länder.

Am 6. September 1879 wurde Karl Joseph Wirth in Freiburg als Sohn von Karl Wirth, Maschinenmeister im Verlagshaus Herder, und seiner Ehefrau Agathe geboren. Entscheidene Prägung erfuhr der junge Wirth ebenso wie seine Brüder Herrmann und Alois durch sein sozial und politisch engagiertes, katholisches Elternhaus. Wie sein Vater, der sich als Zentrumsvertreter im Freiburger Bürgerausschuß stets für die Belange der kleinen Leute einsetzte, interessierte Wirth sich bereits als junger Mann brennend für soziale Fragen. 1909 war er Mitbegründer der Akademischen Vinzenzkonferenz und übte bis 1914 das Amt des ersten Präsidenten aus.

Das Studium der Mathematik, Nationalökonomie und Naturwissenschaften an der Universität Freiburg schloß er 1906 mit einer Dissertation im Fach Mathematik ab. 1903 trat er in den Schuldienst ein, 1908 wurde er zum Gymnasialprofessor für das Fach Mathematik am Freiburger Realgymnasium bestellt.

Die Überzeugung von der Notwendigkeit gesellschaftlicher Reformen führte Wirth in die Politik. Wie sein Vater schloß er sich der Zentrumspartei an. Rasch und nicht immer freiwillig erklomm er die politische Karriereleiter: 1911 wurde er Mitglied des Bürgerausschusses, ein Amt, das er bis zum April 1919 ausübte. 1912 wurde er vom Bürgerausschuß als Vertreter des Zentrums in die Stadtverordnetenversammlung gewählt.

1913 wurde er auf Drängen der Freiburger Zentrumspartei in der Nachfolge von Constantin Fehrenbach, der inzwischen dem Reichstag angehörte, zum Kandidaten für den Badischen Landtag aufgestellt und errang einen glänzenden Wahlsieg in der Freiburger Altstadt. Mit 34 Jahren zog er Ende Oktober 1913 in die zweite Kammer der Badischen Landstände in Karlsruhe ein. Knapp zwei Monate später, im Dezember 1913, kandidierte er bei Nachwahlen im Wahlkreis Offenburg, wiederum auf Drängen der badischen Zentrumsführung, in dem traditionellen Wahlkreis des Volksschriftstellers und Priesters Heinrich Hansjakob und wurde im März 1914 in den Reichstag gewählt.

Die Wurzeln der geistigen und politischen Konzeption, die der Politiker Wirth entwickeln sollte, lagen in einem Land, in dem sich Demokratie und Liberalismus in verschiedenen Lebensbereichen besonders nachhaltig entfaltet haben. Er stellte sich in die Tradition des spezifisch badischen Katholizismus, der durch Aufgeklärtheit, Liberalität und Aufgeschlossenheit für soziale Fragen geprägt war und seinen historischen Ausgangspunkt in den Reformen des Freiherrn von Wessenberg zu Beginn des 19. Jahrhunderts hatte, und des politischen Liberalismus, der in Baden eine besondere Gestalt annehmen und sich in der Revolution von 1848, die im Februar des Jahres von Baden ihren Ausgang nahm, zu politischen Forderungen des Bürgertums nach Freiheit und nationaler Einheit verdichten sollte. In Baden war der Kampf gegen den Absolutismus, für die Gewährung bürgerlicher Rechte und für die Herstellung eines einheitlichen deutschen Nationalstaates im Volk breit verankert und mündete schließlich in die Annahme der vom Frankfurter Paulskirchenparlament beschlossenen Reichsverfassung im Mai 1849. Unter Bezugnahme auf die Revolution von 1848 verstand Wirth sich als Demokrat und Verfechter der Reichsidee. Im Sinne der 48-er Revolution definierte er den Alemannen als Prototyp des freien Bürgers, der sich freiwillig in den Staat ein-, sich diesem aber nicht unterordnet, als Vorkämpfer des Reichsgedankens und der reichsdeutschen Einheit.

Wirth war schon als junger Mann ein Gegner des Krieges und blieb Zeit seines Lebens ein Mann der Verständigungsbereitschaft. Als die Kriegsbegeisterung in den ersten Augusttagen des Jahres 1914 euphorische Züge annahm, war er voller Vorahnungen. Er empfand diesen Krieg als "Debacle", als "Alpdruck". Durch eine angeborene Herzschwäche vom Wehrdienst suspendiert, meldete er sich in den ersten Kriegstagen freiwillig beim Roten Kreuz zum Sanitätsdienst und erlebte den Krieg als Sanitäter an verschiedenen Fronten; eine schwere Erkrankung beendete 1917 den Fronteinsatz. Als Mitglied des Kriegsreichstages unterstützte er die Friedensresolution seines Parteifreundes Matthias Erzberger auch aktiv auf Veranstaltungen in ganz Baden.

In den Revolutionstagen des Jahres 1918, am 10. November 1918, zum Badischen Finanzminister ernannt, zählte Wirth zu den wenigen Zentrumspolitikern, die sich sofort und ohne Vorbehalt auf den Boden der parlamentarischen Republik stellten und diese bis zu ihrem bitteren Ende 1933 verteidigten. Knapp zwei Jahre später holte ihn Fehrenbach nach Berlin ins Amt des Reichsfinanzministers in der Nachfolge von Matthias Erzberger. Im schwierigen Konflikt um Oberschlesien 1920/21, bei der es um die Abtretung des für Deutschland so wichtigen industriellen Reviers an Polen ging, bemühte Wirth sich vergeblich - auch durch Unterstützung von Einheiten der "Schwarzen Reichswehr" - die Abtretung Oberschlesiens zu verhindern und die Einheit des Reiches zu wahren.

Mit der Ernennung zum Reichskanzler am 10. Mai 1921 hatte der 41-jährige Joseph Wirth den Höhepunkt seiner politischen Laufbahn erreicht, er war der jüngste Reichskanzler der Weimarer Republik. Sein direkter Gegenkandidat war Konrad Adenauer, der sich in der Fraktion jedoch nicht gegen Wirth durchsetzen konnte. Wirth übernahm, unterstützt von Reichspräsident Friedrich Ebert, das Amt von Fehrenbach, der aufgrund der Reparationsforderungen der Alliierten im "Londoner Ultimatum" zurückgetreten war.

Mit dem Reichskanzleramt hatte Wirth schwere Verantwortung übernommen. Deutschland, Verlierer des Weltkrieges, war durch den Versailler Vertrag, durch astronomische Reparationsforderungen und durch seine außenpolitische Isolation in einer schwierigen Lage. Wirth trat dafür ein, die Reparationsforderungen der Alliierten zu erfüllen. Das brachte ihm und seinem Außenminister Walther Rathenau den - von der nationalen Rechten als Schimpfwort benutzten - Namen "Erfüllungspolitiker" ein.

Wirth befürwortete eine „aktive Ostpolitik“, die auf Ausgleich und Verständigung mit Sowjetrußland basieren sollte mit dem Ziel, dadurch weitergehende Reparationsforderungen Rußlands zu verhindern, den Versailler Vertrag zu mildern und die deutsche Isolation zu durchbrechen. Er verfolgte ein klares ostpolitisches Konzept. Mit dem Abschluß des Rapallo-Vertrages zwischen dem Deutschen Reich und Sowjetrußland am 16. April 1922 am Rande der Weltwirtschaftskonferenz in Genua wurde der erste Vertrag zwischen zwei Staaten mit unterschiedlicher gesellschaftlicher Ordnung abgeschlossen, er beinhaltete den gegenseitigen Verzicht auf Reparationen, die diplomatische Anerkennung Sowjetrußlands und Handelserleichterungen. Wirth bezeichnete ihn als "echtes Friedenswerk" und einen "wahren Friedensvertrag". Auch wenn die Empörung über die deutsch-russische Verständigung bei den Westmächten zunächst groß war und der Rapallo-Vertrag in seiner Deutung bis in die Gegenwart kontroverse Diskussionen auslöst, schuf der Vertrag doch die Grundlage für wirtschaftliche Kooperation und anderthalb Jahrzehnte friedlicher Beziehungen zwischen beiden Staaten.

Die Mordparolen der äußersten politischen Rechten blieben nicht folgenlos. Am 24. Juni 1922 fiel Außenminister Walther Rathenau einem politischen Attentat zum Opfer. In der aufgeheizten Atmosphäre hielt Wirth am Tag nach dem Mord im Reichstag seine berühmte Rede, in der er ein Bekenntnis zur Demokratie und deren aktive Verteidigung einforderte und - an die Adresse der Kräfte gewandt, die die Mordhetze gegen Rathenau betrieben hatte - mit den berühmten Worten schloß: "Da steht der Feind, wo Mephisto sein Gift in die Wunden eines Volkes träufelt. - Da steht der Feind - und darüber besteht kein Zweifel: Dieser Feind steht rechts!"

Nach seiner Demission als Reichskanzler im November 1922 geriet Wirth wiederholt in Konflikt mit der Parteiführung des Zentrums um den künftigen politischen Kurs der Partei, speziell um ihre Koalitionsbereitschaft mit den Rechtsparteien. Vorübergehend trat er 1925/26 aus der Fraktion aus, engagierte sich im überparteilichen „Reichsbanner“ und initiierte 1926 die Gründung der "Republikanischen Union". Gemeinsam mit dem sozialdemokratischen Reichstagspräsidenten Paul Löbe und dem der Deutschen Demokratischen Partei angehörenden Ludwig Haas gab er die Zeitschrift "Die Deutsche Republik" heraus.

1929/30 als Minister für die besetzten Gebiete im zweiten Kabinett von Hermann Müller, 1930/31 Innenminister im ersten Kabinett Brüning trat Wirth dem anwachsenden Nationalsozialismus, aber auch der radikalen politischen Linken, mit entschiedenden Maßnahmen entgegen.

Am 30. Januar 1933 wurde Hitler zum Reichskanzler ernannt. Am Tag nach der am 23. März 1933 erfolgten Verabschiedung des Ermächtigungsgesetzes verließ er Deutschland. Er hatte zu jener Handvoll Zentrumspolitiker gehört, die in der Probeabstimmung der Fraktion mit Nein gestimmt, sich aber bei der Abstimmung im Reichstag mit Tränen in den Augen dem Fraktionszwang gebeugt hatten.

Während der insgesamt 15 Jahre währenden Zeit des Exils engagierte Wirth sich 1933 bis 1945 unermüdlich gegen den Nationalsozialismus und seine schlimmsten Auswüchse, den Antisemitismus und die Judenverfolgung. In Gesprächen mit katholischen Politikern, Staatsmännern und Würdenträgern der katholischen Kirche warnte er vor Illusionen und Verharmlosungen des Nationalsozialismus; er reiste nach Österreich, in die Schweiz, nach England, Frankreich, Holland, Italien, Polen und in die Tschechoslowakei und schließlich in die USA und sprach u.a. mit dem britischen Premier Lloyd George, mit den österreichischen Bundeskanzlern Dollfuß und Schuschnigg, dem niederländischen Ministerpräsidenten Colijn, den einflußreichen Schweizer Bundesräten Motta und Etter, mit dem polnischen Erzbischof Kakowsky und dem Bischof von Czenstochau. 1935 nahm er seinen Wohnsitz in Paris - erste Station seines Exils. Finanzielle Unterstützung erhielt Wirth, dem die NS-Regierung seine Bezüge als ehemaliger Reichskanzler und Minister entzogen hatte, durch den in Amsterdam angesiedelten jüdischen Bankier Fritz Mannheimer vom renommierten Bankhaus Mendelssohn.

Hauptzielort und Bezugspunkt für ihn war immer wieder der Vatikan. Vor allem hier wollte er vor Illusionen über den Nationalsozialismus warnen. Vom Heiligen Stuhl erwartete er eine Stellungnahme gegen die Vernichtung der Freiheitsrechte in Deutschland und gegen den rassistischen Antisemitismus. Dabei stand er mit äußerst einflußreichen Kreisen im Vatikan in Verbindung. Auch hier liegen die Wurzeln in Baden. Der Mann seines Vertrauens war der Jesuitenpater Dr. Robert Leiber, ehemals Schüler Wirths am Freiburger Realgymnasium, später Professor an der päpstlichen Università Gregoriana, ein enger Vertrauter von Papst Pius XI. und von Kardinalstaatssekretär Pacelli, dem späteren Papst Pius XII.

1935, als mit der Verkündung der "Nürnberger Gesetze" die völlige Entrechtung der Juden besiegelt wurde, verstärkte sich Wirths Engagement. Als gläubiger Katholik sah er seine Aufgabe darin, "eine Brücke der Verständigung" zwischen Judentum und Christentum zu schlagen. Er wollte "Reisender sein im Dienste des humanen Gedankens, und ... arbeiten, daß Juden und Katholiken sich besser verstehen." Für Wirth zählte die in Baden früh vollzogene Judenemanzipation zu den großen Errungenschaften des deutschen Südwestens, die Rolle der Juden im Geistesleben war für ihn unverzichtbarer Bestandteil der deutschen Kultur. 1935 wandte er sich erstmals mit einem schriftlichen Memorandum, 1937 mit der Druckschrift "Die Kirche Christi und die Judenfrage" über Leiber und Pacelli an Papst Pius XI., um eine grundlegende Stellungnahme des Papstes in der Antisemitismus-Frage zu erreichen. Die Bedeutung der Schrift ist nur zu ermessen vor dem Hintergrund der zeitgleichen Formulierung eines von Papst Pius XI. in Auftrag gegebenen Enzyklika-Entwurfs zur Frage des Antisemitismus, der aufgrund des Todes von Pius XI. im Februar 1939 nicht mehr veröffentlich wurde.

In vielen Fällen leistete Wirth Fluchthilfe für verfolgte Juden und unterhielt in den Jahren seines Pariser Exils gute Verbindungen zu den bedeutenden Organisationen des Judentums in Frankreich, England und den USA, hier zum Sekretär des American Jewish Committee in New York, Morris Waldman, auf dessen Einladung hin er von Februar bis Mai 1939 eine Vortragsreise durch die USA unternahm.

Der Beginn des 2. Weltkriegs am 1. September und der plötzliche Herztod seines langjährigen Unterstützers Mannheimer kurz zuvor stellte Wirth vor eine völlig neue Situation. Am 2. September verließ der Sechzigjährige Frankreich in Richtung Schweiz, wo er in einem bescheidenen möblierten Zimmer in der Luzerner Haldenstraße Quartier nahm.

Seine politisch aktive Gegnerschaft gegen den Nationalsozialismus setzte Wirth auch während des 2. Weltkrieges fort. In den Jahren 1939 bis 1942 unterhielt er politische Kontakte zum militärischen Widerstand in Deutschland, zu Generalstabschef Franz Halder, der 1938/39 zum Kreis der umsturzbereiten Generäle gehörte. Über den ehemaligen Reichswehrminister Otto Geßler - Tarnname in Anspielung auf ein bekanntes Schiller'sches Drama: "Wilhelm Tell" - hatte Halder Ende 1939 konspirativ Kontakt zu Wirth aufgenommen. In Abstimmung mit Halder sondierte Wirth in den ersten Monaten seines Schweizer Exils die Möglichkeiten und Bedingungen eines Friedensschlusses Deutschlands mit England und Frankreich. Als Reaktion auf einen Brief Wirths an Premierminister Chamberlain vom 24. Dezember 1939 erhielt Wirth Anfang 1940 von Abgesandten des britischen Außenministers eine Erklärung mit weitgehenden Zugeständnissen Englands für den Fall eines politischen Umsturzes in Deutschland.

Indes kam es auf Seiten der nationalkonservativen Opposition in Deutschland nicht zur Aktion. Halder zog sich aus dem Kreis der Verschwörer zurück. Die Unentschiedenheit der deutschen Militärs und ein Umschwung in der britischen Politik, in dessen Folge auch Wirth als Verhandlungspartner nicht mehr ernst genommen wurde, ließen schon bald jede Hoffnung auf einen Friedensschluß obsolet werden. Mitte 1942 brach Wirth die Verbindung zu Geßler ab.

Zur gleichen Zeit intensivierte er seine Kontakte zu verschiedenen in der Schweiz lebenden deutschen Emigranten. Ziel des Kreises um Wirth, den ehemaligen preußischen Ministerpräsidenten Otto Braun (SPD), den Juristen Wilhelm Hoegner und anderen Emigranten war es, Fragen des Wiederaufbaus Deutschlands zu erörtern und Einfluß auf die alliierte Deutschlandplanung zu gewinnen. Im Mai 1945 brachte der Kreis die programmatische Schrift "Das Demokratische Deutschland. Grundsätze und Richtlinien für den deutschen Wiederaufbau im demokratischen, republikanischen, föderalistischen und genossenschaftlichen Sinne" heraus. Viele der in den Memoranden von Wirth, Hoegner und Braun entwickelten verfassungspolitischen Grundsätze und Überlegungen über die Rolle Deutschlands in Europa und der Welt haben indirekt Eingang gefunden in die Gestaltung der Länderverfassungen, des Grundgesetzes und die Verfassungswirklichkeit im Nachkriegsdeutschland.

Schon vor Kriegsende hatte Wirth in der Schweiz, zunächst in enger Zusammenarbeit mit dem Caritasverband, mehrere Paket-Hilfsdienste ins Leben gerufen, um die größte materielle Not in Deutschland zu lindern. Mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges und dem Zusammenbruch des NS-Regimes verband er die Hoffnung, so bald als möglich nach Deutschland zurückkehren zu können, doch versagten ihm die französischen Besatzungsbehörden bis Mitte 1948 die Einreise in ihre Zone. Erst im April 1949 kehrte er endgültig nach Freiburg zurück.

Mit seiner Parteinahme auf seiten der sogenannten "Badener" stellte sich Wirth an der Seite des Badischen Staatspräsidenten Leo Wohleb kurz nach seiner Rückkehr ins Zentrum einer polarisiert geführten Auseinandersetzung um die territoriale Neugliederung des deutschen Südwestens. Auf zahlreichen Veranstaltungen und in der 1950 erschienenen Broschüre "Wohin, wohin Badnerland?" setzte er sich für den Bestand des Landes Baden in seinen bis 1945 geltenden Grenzen ein. Dabei war die Forderung nach Wiederherstellung Badens für ihn gleichbedeutend mit der Verteidigung der liberalen und fortschrittlichen Verfassungstradition des Landes. Die im September 1951 durchgeführte Volksabstimmung jedoch erbrachte eine Mehrheit für den "Südweststaat": das neue Baden-Württemberg.

Mehrere Chancen für ein politisches Come-back, auf das Wirth gehofft hatte, zerschlugen sich; zwei ihm angetragene Kandidaturen für die CDU bei den ersten Bundestagswahlen 1949 wurden zurückgezogen. Der bei seiner Rückkehr nach Freiburg 1949 siebzigährige Wirth stand vor einem völligen Neuanfang. Erst vier Jahre nach Kriegsende wurde ihm eine minimale Pension als ehemaliger Gymnasialprofessor zugestanden. Die Adenauer-Regierung verweigerte ihm die Reichskanzler- und -ministerpension bis zu seinem Tod 1956, ja sie forderte sogar nach seinem Tod die geleisteten Abschlagzahlungen von den Erben zurück. So lebte Joseph Wirth an seinem Lebensabend unter bedrückenden finanziellen Verhältnissen bei der Witwe seines Bruders Hermann in der Freiburger Landsknechtstraße.

Gleichwohl blieb er politisch aktiv. Er plädierte dafür, einen anderen politischen Weg zu beschreiten als den der Westintegration, den Konrad Adenauer verfocht. In einer Zeit, als von Regierungsseite Gespräche mit dem Osten grundsätzlich abgelehnt wurden, wollte Wirth beide deutsche Staaten an einen Verhandlungstisch holen und die Möglichkeiten einer deutschen Wiedervereinigung bei militärischer Neutralität Deutschlands ausloten. Sein politisches Handeln in den fünfziger Jahren war von seiner politischen Lebenserfahrung geprägt: Er baute nicht zuletzt auf die Rapallo-Erfahrung, daß man mit den Russen verhandeln könne. Er trat für eine gesamtdeutsche Option, für eine Mittlerstellung Deutschlands zwischen Ost und West ein. In gewisser Weise nahm er damit Grundlinien der Ostpolitik der siebziger Jahre vorweg. Sein Zukunftskonzept zielte auf Überwindung der deutschen Spaltung. Wie viele andere, wie Gustav Heinemann, Helene Wessel, Thomas Dehler oder Martin Niemöller, ging er davon aus, daß die Westintegration die Spaltung Deutschlands vertiefen und den Frieden unsicherer machen würde.

An der Jahreswende 1951/52 reiste Wirth erstmals auf eigenen Wunsch nach Ost-Berlin zu Gesprächen mit DDR-Staatspräsident Wilhelm Pieck, Ministerpräsident Otto Grotewohl, Franz Dahlem, dem Westspezialisten im ZK der SED und anderen - nie versiegender Quell fortdauernder Verdächtigungen als "Handlanger der SED", "nützlicher Idiot Moskaus" oder "Kommunistensäckel". In späteren Jahren schlossen sich weitere Gespräche mit DDR-Politikern an. Wiederholt traf er in den frühen 50er Jahren mit hochrangigen Vertretern der Sowjetunion wie dem Botschafter in der DDR, Vladimir Semjonov, zusammen; bei einer Moskau-Reise Ende 1953 führte er Gespräche mit dem sowjetischen Außenminister Molotov.

Erhebliche Differenzen mit der DDR-Führung gab es gleich beim ersten Ost-Berlin-Besuch um die Frage der Freilassung politischer Häftlinge, die meisten davon in den berüchtigten "Waldheim-Prozessen" verurteilt, und von Kriegsgefangenen in der UdSSR. Es gelang Wirth im Verlauf mehrerer Jahre, über 100 Häftlinge freizubekommen; ebenso holte er Harald Krupp von Bohlen und Halbach aus der sowjetischen Gefangenschaft.

Seit 1952 agierte Wirth in der "Deutschen Sammlung" und seit 1953 im "Bund der Deutschen für Einheit, Frieden und Freiheit", dessen Vorsitz er gemeinsam mit dem ehemaligen Zentrumspolitiker Wilhelm Elfes übernahm, ein Bündnis unterschiedlicher politischer Kräfte. Die Tatsache, daß zeitweilig auch bekannte Mitglieder der KPD in diesen Organisationen arbeiteten, hat immer wieder zu Verdächtigungen und Diffamierungen Anlaß gegeben wie der Behauptung, Wirth werde vom Osten finanziert.

Im Vorfeld der Bundestagswahlen 1953 kam es zu einem vielbeachteten Wahlbündnis zwischen dem Bund der Deutschen von Wirth und Elfes und der Gesamtdeutschen Volkspartei des späteren Bundespräsidenten Gustav Heinemann, der im Herbst 1950 aus Protest gegen Adenauers Politik der Wiederbewaffnung von seinem Amt als Bundesinnenminister zurückgetreten und aus der CDU ausgetreten war. Bei den Bundestagswahlen scheiterte jedoch der Versuch, eine deutschland- und sicherheitspolitische Alternative ins Parlament zu bringen.

Am 3. Januar 1956 verstarb Joseph Wirth nach kurzer Krankheit an Herzversagen. An seinem Grab hielt Wirths langjähriger Freiburger Seelsorger, Prälat Föhr, eine aufrüttelnde Traueransprache, die mit den Worten begann: "Mißverstanden! Verleumdet! Verfemt! Das war sein Schicksal. Er hat darunter furchtbar gelitten."

Wirths Biografie ist ein Spiegelbild der Geschichte des 20. Jahrhunderts. Mehr als die meisten Politiker seiner Zeit verkörpert er die Höhen und Tiefen der deutschen und europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, die Sprünge und Widersprüche einer durch zwei Weltkriege, NS-Diktatur und deutsche Teilung geprägten Entwicklung, aber auch viele hoffnungsvolle Ansätze für eine auf Toleranz und Frieden gerichtete Politik.